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Cousinenbomber - vollständige Online-Fassung

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Gedichte & Satiren von Jan Achtmann, 2003

Cousinenbomber      Kann man heute Neues denken,
         ohne heimlich abzulenken?
     Kann man heute komponieren,
         ohne Fremdes zu kopieren?
     Kann man heute Bilder malen,
         wirklich neu und nicht nach Zahlen?
     Kann man heute noch erzählen,
         ohne Worte sich zu stehlen?

     Menschen, die das Schreiben lieben,
         haben alles schon beschrieben
     scheint es mir, wenn ich so lese
         manch gewagte Dichterthese...
     All die großen Buchautoren,
         die privat man auserkoren,
     füllen so auch mir, ich denke
         lange nicht genug, die Schränke.
     Somit bitt ich die Gedichte,
         manch Satire, manch Geschichte,
     sollten sie nichts Neues sein
         von den Lesern zu verzeihn.

Rahmenhandlung

DER SOUFFLEUR: Darsteller! Schauspieler! Künstler! Sie sprechen, sie agieren, sie unterhalten. Sie ernten den Applaus, werden diskutiert und gefeiert und stehen in der Zeitung! Wie steht es mit den Figuren? Mit den wahren Helden eines jeden Stückes? Sie sind die Sprache, sie sind die Handlung, sie selbst sind die Emotionen. Und sie vergessen nie ihre Texte... Sie werden auf der Bühne zurück gelassen, wenn ihre Geschichte gespielt ist. Was tun sie bloß, wenn der Vorhang gefallen ist?
DER HAUSMEISTER: Was werden sie schon tun? Sie spielen Theater.

DER PLATZANWEISER: (beleuchtet mit seiner Taschenlampe nacheinander Ihr Gesicht, Ihre Platzkarte und schließlich Ihren Sessel in der zwölften Reihe) Das lohnt sich doch gar nicht mehr... Nun ja. Schön, dass Sie noch kommen konnten. (geht grimmig)

VIERTER AKT. LETZTER AUFZUG.
Die Wartezone eines Arbeitsamtes mit greller Neon-Beleuchtung. Vier Menschen stehen auf wackligen Holzstühlen. Jeder von ihnen hält einen Zettel mit einer darauf versehenen Nummer in der Hand und betrachtet ihn auf seine individuelle Art mit lethargischer Gleichgültigkeit. Minuten vergehen.

EBERHARDT: (setzt sich)
LOUISE: (setzt sich)
SHARIN AL-KARA: (setzt sich)
DER SEHER: (schließt die Augen, bewegt die Arme unter seinem weiten Gewand) All das ist nicht schön gewesen. All das ist wahrhaftig nicht sehr schön gewesen. Das Unglück, das Leid, das Verderben. All das ist nicht schön gewesen.
LOUISE: (erwacht) Aber wir sind am Leben!
EBERHARDT: (berührt sanft ihre Schulter) Oh ja, Liebste. Oh ja.
DER SEHER: (zieht ein vergilbtes Dokument hervor, liest laut) Unter den Misteln verbarg sich ein Stück von dem, und der Schmerz wird vergangen sein. Die Zeit, in der...
SHARIN AL-KARA: Hm?
DER SEHER: (liest unbeirrt weiter) ...in der wir ahnten, was wir planten, in der wir wollten, was wir sollten, in der wir riefen, wenn wir schliefen, in der wir störten, wen wir hörten, in... (räuspert sich, überspringt einen Teil) – ist vorüber. Ungewiss die Tage, liegend zu unseren Füßen. Liegend zu unseren Füßen.
EBERHARDT: (sieht an sich herunter, tastet den Boden ab) Ich kann nichts finden.
SHARIN AL-KARA: Von was?
DER SEHER: (schaut hinab) Sagtest du etwas, mein Sohn?
SHARIN AL-KARA: Von was verbarg sich ein Stück unter den Misteln?
LOUISE: (blickt nervös umher) Was tue ich hier?
SHARIN AL-KARA: Hier ist nichts.
DER SEHER: (verwirrt) Unter den Misteln waren verborgen verschiedene Dinge.
SHARIN AL-KARA: Was für Dinge?
LOUISE: (verängstigt) Was ist das für ein Text? Und was sind das für Leute? (geht ab)
EBERHARDT: (sieht Louise nach) Liebling! (folgt ihr schnellen Schrittes)
DER SEHER: Nun, Dinge eben.
SHARIN AL-KARA: Ah, solche Dinge. – Was für Dinge?
DER SEHER: (zieht weitere Blätter hervor, überfliegt ihren Inhalt) Davon steht hier nichts. Warte, warte... (setzt sich, versinkt in seinen Schriften)
SHARIN AL-KARA: (lehnt sich zurück) Ich habe Zeit.

DER VORHANG: (fällt)
DAS PUBLIKUM: (ist tierisch begeistert, applaudiert und geht nach Hause)
DIE DARSTELLER: (gehen was trinken)
DAS STÜCK: (gerät in Vergessenheit)

DER AUTOR: Wer hat denn hier den Vorhang wieder herauf gezogen. (betritt die Bühne, betrachtet die herumliegenden Requisiten und seufzt) Ach ja. (zündet sich hinter vorgehaltener Hand eine Zigarette an und beginnt gemächlich mit dem Beiseiteräumen der umherstehenden Stühle, nach getaner Arbeit sieht er zufrieden durch den Raum, wendet sich ab und schaltet das Licht aus)
SHARIN AL-KARA: Buh!
DER AUTOR: (dreht sich erschrocken um und schaltet die Bühnenbeleuchtung wieder ein) Ist da jemand?
SHARIN AL-KARA: Jepp.
DER AUTOR: (einigermaßen beruhigt) Das Theater ist geschlossen, gehen Sie heim.
SHARIN AL-KARA: Sehr komisch.
DER AUTOR: (blickt suchend umher) Ich kann Sie nicht sehen.
EBERHARDT: Lass halt den armen Mann in Ruhe.
SHARIN AL-KARA: Warum denn? Er ist doch nur unser Autor.
DER AUTOR: (verärgert) Wo sind Sie?
DER SEHER: Schluss jetzt. Ihr seht doch, ihr macht ihm Angst.
DER AUTOR: (ergreift einen an der Wand lehnenden Besen) Ich habe keine Angst.
LOUISE: Sieh an, endlich einmal ein Mann nach meinem Geschmack!
EBERHARDT: Wie darf ich denn das verstehen?
DER SEHER: Setz dich doch.
DER AUTOR: Was?
DER SEHER: Setzen. Auf den Stuhl. Bitte.
DER AUTOR: (holt einen der Stühle zurück, stellt ihn in die Mitte der Bühne und setzt sich) Da bin ich aber gespannt. Würden Sie jetzt bitte herauskommen?
DER SEHER: Erst die Augen zu...
DER AUTOR: (widerwillig) Meinetwegen. Aber nur für zwei Sekunden!
DER SEHER: Das wird genügen.
DER AUTOR: (schließt die Augen, verharrt einen Moment lang und springt erschrocken auf) Was war das?
DER SEHER: Siehst du uns jetzt? Wir sind es. Dein Stück.
DER AUTOR: Ihr seid – was? Unmöglich. Ganz unmöglich.
LOUISE: Er glaubt uns nicht...
SHARIN AL-KARA: Was haben wir denn auch erwartet?
DER SEHER: ficti tamen vivimus.
DER AUTOR: (zögert einen Augenblick) – Unmöglich!
DER SEHER: Weshalb unmöglich? Du hast uns erdacht, uns eine Geschichte gegeben, uns zum Leben erweckt.
SHARIN AL-KARA: Sein oder Nichtsein, das war hier die Frage!
LOUISE: Sharin, bleib auf dem Teppich.
DER SEHER: Doch er hat Recht! Wir sind körperlos. Wir sind erfunden, gut, aber wir sind! Das musst du akzeptieren.
DER AUTOR: (sieht zu Boden, denkt einen Moment lang nach und lehnt sich dann zurück) Gut. Nehmen wir mal an. Was wollt ihr von mir?
EBERHARDT: Ein neues Stück.
SHARIN AL-KARA: Du hast uns gegenüber eine Verpflichtung!
DER AUTOR: Euch gegenüber? Ich muss erstmal meine eigene Geschichte schreiben.
EBERHARDT: Dann lass uns deine Geschichte spielen!
LOUISE: Wir haben doch sonst keine...
DER SEHER: Kinder, doch nicht alle durcheinander.
DER AUTOR: Moment mal, was für eine Geschichte? Ich habe kein neues Stück für euch. Und ich werde so bald auch sicher keines schreiben!
LOUISE: Du wirst unser neues Stück sein!
DER AUTOR: Ich?
DER SEHER: Wir kommen aus deinem Kopf. Wir hatten genügend Zeit, uns dort umzusehen...
SHARIN AL-KARA: Das muss man ihm lassen, da war ja der Teufel los damals!
DER SEHER: Wir haben uns alles gemerkt.
DER AUTOR: Was, alles?
DER SEHER: Deine Gedanken, deine Geschichten, deine Gedichte...
DER AUTOR: Und die wollt ihr jetzt nachspielen? Das ist doch blanker Unsinn, die Texte sind gar nicht für vier Personen geschrieben. Wo wollt ihr die Pausen einbauen? Man kann euch nicht sehen! Und außerdem habt ihr gar keine Kulisse.
DER SEHER: Es wird genügen, wenn man uns hört.
EBERHARDT: Wir werden abwechselnd sprechen!
SHARIN AL-KARA: Ohne Publikum brauchen wir auch keine Pausen.
LOUISE: Und unser Bühnenbild wirst du sein!
DER SEHER: Nun, was sagst du?
DER AUTOR: (erhebt sich, geht eine Weile nachdenklich auf und ab, holt schließlich einen zweiten Stuhl, setzt sich und legt die Beine hoch) In Ordnung. Fangt an.
EBERHARDT:

    » Bonn «
    » Gerade gebogen «
    » Julchen «
    » Es weihnachtet schwer «
    » Ein Relikt längst vergangener Zeit «
    » Durch Euro und Bein «
    » Marktlücke: Statementmaker «
    » Mehr Schwein als Schlumpf «
    » Wie der Thunfisch seinen Namen bekam «
    » Wieso die Sahara früher Shr hieß «
    » Desto «

DER AUTOR: (ist mittlerweile aufgestanden und geht langsam auf und ab) Ich bin beeindruckt.
SHARIN AL-KARA: Na bitte.
DER AUTOR: Und das ist wirklich alles von mir?
EBERHARDT: Definitiv.
DER AUTOR: An manches kann ich mich gar nicht erinnern...
DER SEHER: Mach dir mal lieber Notizen, vielleicht finden wir noch einige vergessene Zeilen zwischen deinen anderen.
DER AUTOR: Bin ja schon dabei. (zieht seinen Block hervor und notiert etwas) Vielleicht sollte ich das alles wirklich mal veröffentlichen...
EBERHARDT: Aber bitte ohne uns! Wir gehören auf die Bühne und nicht zwischen zwei Buchdeckel.
DER AUTOR: Ist versprochen.
LOUISE: Fein!
DER AUTOR: Dann also weiter.
DER SEHER: Louise?
LOUISE:

    » Nepomuk «

DER AUTOR: (drückt seine Zigarette an einem Stuhlbein aus) Schön vorgetragen, sehr schön! Ihr macht das richtig prima, das muss ich ja mal sagen. Wisst ihr, ich denke...
LOUISE: Ich bin noch nicht fertig!
DER AUTOR: Oh, bitte entschuldige.
LOUISE: Danke.

    » Nepomuk und der Anfang «
    » Nepomuk und das heisere Orakel «
    » Nepomuk und der Morgen «
    » Nepomuk und die leichte Beute «
    » Nepomuk und die schwere Lektüre «
    » Katzen «
    » Wuschl «
    » Jäger Schnitzel «
    » Natur «
    » Wilhelm Tell «

DAS PUBLIKUM: (hat den Weg ins Theater zurück gefunden und füllt ebenso langsam wie lautlos die Reihen)
DER AUTOR: (ist über seinen Notizen eingeschlafen und liegt am Bühnenrand auf dem Bauch, die Beine gekreuzt und eine Hand auf dem Rücken)
LOUISE: Eberhardt, sieh nur!
EBERHARDT: Der schläft aber komisch...
LOUISE: Nicht doch, die Menschen!
EBERHARDT: Wo kommen denn die auf einmal her?
SHARIN AL-KARA: Und er merkt nichts davon... Sollen wir ihn wecken?
DER SEHER: Nein, die Kulisse kann schlafen.
LOUISE: Also weiter, weiter!
SHARIN AL-KARA:

    » Der Arzt Roman «
    » Ort des Grauens «
    » Obst auf der Couch «
    » Sechs Vierzeiler «
    » Vier Limericks «
    » Zehn Gebote «
    » Ich habs auf den Lippen «
    » Spanisch «
    » Rucksack «
    » Zipfel-Kreuz «
    » Kleisterleistung «
    » Revolution «
    » Entdeckung in Altdorf «
    » Im handlichen Format «
    » Mitfahr-Gelegenheit «
    » Geschichten um Harald-Rüdiger Laubach «
    » Die Gefährten «
    » Alte Bekannte «
    » Alternative «
    » Ernüchterung «

LOUISE: Aufwachen...
DER AUTOR: (blinzelt und setzt sich mit dem Rücken zum Publikum müde auf) Hm..? Oh, entschuldigt – hab ich was verpasst?
SHARIN AL-KARA: Hört ihr? Er fragt, ob er was verpasst habe!
EBERHARDT: Ich sage nur: Spanisch.
DER AUTOR: Och Leute, ihr habt doch nicht...
SHARIN AL-KARA: Haben wir.
LOUISE: Den Menschen hat es gefallen!
DER SEHER: Den meisten jedenfalls... Schaut mal, da gehen schon welche.
SHARIN AL-KARA: Ein paar Banausen gibt es immer...
DER AUTOR: Den – wie? (dreht sich um, blickt ungläubig durch die nicht mehr ganz besetzten Reihen der Zuschauer, hantiert hilflos mit den Händen und schickt sich an, das Publikum zu begrüßen) Ich... Ich bin hocherfreut... Sie – Sie sind ja alle da! Fast alle jedenfalls...
EIN ZUSCHAUER AUS DER ZWÖLFTEN REIHE: (lacht)
DER AUTOR: (raucht und wendet sich nervös ab, flüstert) So tut doch etwas! Ich bin kein Schauspieler!
LOUISE: Das ist es ja gerade...
DER AUTOR: (verwirrt) Ihr verwirrt mich. (setzt sich wieder und legt herausfordernd langsam die Beine hoch) Ihr habt doch noch was?
DER SEHER:

    » Tour de Hirn «
    » Kishon hat Übergewicht «
    » Ventile «
    » Abendgebet des werdenden Autors «
    » Leeres Gerede «
    » Zwischen den Zeilen «
    » Arbeit «
    » Traumbaum «
    » Schneetree «
    » der zaubergarten «
    » Cousinenbomber «
    » Stimmen «
    » Deine Augen «
    » Erleuchtung «
    » Liebe «
    » Glück «
    » Angst «
    » Die Flasche «
    » Zeit «
    » Selbsterkenntnis «

DER SEHER: Nur wer schwimmen kann sollte sich auf die ausladenden und unüberschaubaren Wogen vieler Abschnitte seines eigenen Lebens begeben; wer mit Schwimmflügeln daher kommt hat leider aber definitiv Pech gehabt und droht in seinem eigenen Leben zwar ganz im Vordergrund jedoch jämmerlich einsam und quasi ohne Hoffnung auf Rettung unterzugehen.
DER AUTOR: (zögernd) Ich kann nicht schwimmen..
DER SEHER: Na und? Dafür kannst Du fliegen. Jetzt bist du an der Reihe.
DER AUTOR: (holt genießerisch aus) Ach, was soll ich schon groß erzählen?
DER SEHER: Das fragst du noch?
DER AUTOR:

    » Nichts mehr «
    » Platz an meiner Seite «
    » Silberherz «
    » An meine Muskelkrämpfe «
    » Höhlengrölen «
    » "Wird schon schön werden" «
    » Prioritäten «
    » Diesmal ist es anders «
    » Zu meiner Person «

Louise? Eberhardt! Wo seid ihr? (tritt ein Stück zur Seite und gibt den Blick auf die Bühne frei, auf der nur noch die beiden Stühle, der Besen und einige Zigarettenstummel zu sehen sind)

DER VORHANG: (hält)
DAS PUBLIKUM: (applaudiert, ist völlig aus dem Häuschen, wirft Kusshändchen auf die Bühne und erwägt den Ankauf des vorliegenden Buches)
DER AUTOR: (verbeugt sich, springt einigermaßen elegant von der Bühne herunter und direkt auf Seite 120)
DAS STÜCK: (wird zum Ganzen)

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