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Cousinenbomber - Gedichte & Satiren

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Cousinenbomber

Es weihnachtet schwer

An Weihnachten hat jeder glücklich zu sein. Wer es nicht ist, der wird unter Anwendung interfamiliärer Brachialgewalt dazu gezwungen. Das scheint auch der Grund zu sein, weshalb aus Wohngemeinschaften zum Ende des Jahres nach und nach alle Bewohner reumütig gen Heimat entschwinden. Wahrscheinlich kniet dann der letzte wackere WG-Insasse, der sich dem elterlichen Psychodruck erfolgreich widersetzen konnte, leise betend neben dem Plastik-Tannenbaum, möge es schnell vorüber gehen. Einsam zwar, doch ungebrochen. Nun, dergleichen sollte mir in diesem Jahr nicht widerfahren.

Die letzten Male zog ich es noch vor, am Weihnachtsabend die verschiedensten Bestell-Hotlines anzurufen, um den traurigen Studentinnen am anderen Ende der Leitung ein fröhliches Weihnachtsfest zu wünschen. Ursprünglich wollte ich Weihnachten dieses Jahr zwar gänzlich ausfallen lassen, aber gegen ein paar kleine Geschenke wird doch wohl nichts einzuwenden sein... Und nicht wieder der Einfachheit halber für jeden das gleiche! Es muss einer kleinen Aufmerksamkeit gleich kommen, sollte dabei jedoch den individuellen Charakter des Beschenkten zum Ausdruck bringen und darf am Ende nicht zu teuer sein. Aber wo bekomme ich Heiligmorgen bloß die noch fehlenden 17 individuellen Geschenke her? Ich brauche erstmal einen Kaffee, ich muss dringend nachdenken.

Auf meinem ziellosen Weg durchs Kaufhaus bleibe ich bei einem Grüppchen lethargisch drein schauender Weihnachtsmänner stehen und erkundige mich nach der Cafeteria. Ihr Anführer, ein abgemagerter BWL-Student mit offensichtlich falschem Rauschebart, weist mit stummer Handbewegung auf den Aufzug. Er darf nicht sprechen, das steht in seinem Vertrag. Er darf nur in unregelmäßigen Abständen "Hohoo!" sagen, vorbeidrängelnden Kindern winken und den folgenden Elternscharen Prospekte mit Sonderangeboten in die schweißnassen Hände drücken.

Es ist Weihnachten, da gehen auch Kellnerinnen mal so richtig aus sich heraus. Das mit echtem Kakao in den Milchschaum meines Cappuccino gezeichnete Gesicht stimmt mich nachdenklich. Wie das braune Pulver so gemächlich im Kaffee versinkt und den Koffein-Smiley in eine verdrießlich glotzende Fratze verwandelt... So in etwa muss sich der echte Weihnachtsmann an Silvester fühlen, wenn der ganze Rummel vorbei ist.

Ist schon ein armer Kerl, der Weihnachtsmann. Dabei sollte man gar nicht meinen, dass er so viel zu tun hat, wie es immer heißt, da er ja bekanntlich primär für Nord- und Mitteldeutschland zuständig ist. Im südlichen Raum ist nach wie vor das Christkind der erste Ansprechpartner in Sachen Wunschzettel. Manchmal tauschen die beiden auch ihre Einzugsgebiete oder übernehmen gegenseitig die Urlaubsvertretung, aber wer weiß das schon so genau.

Ich frage mich da nur, wie das beispielsweise in Hessen ausschaut: Prügeln sich da Ende November Weihnachtsmann und Christkind um das Vorrecht, wer am heiligen Abend durch den Kamin rutschen darf? Oder erübrigt sich jede Auseinandersetzung, weil der Weihnachtsmann draußen vor der Tür auf seine geschlauchten Rentiere Acht geben muss, damit sie ihm nicht mit den Geschenken durchgehen?

Da fällt's mir wieder ein, ich brauche ja auch noch Geschenke. Ich bestelle 17 originelle und individuell verpackte Kleinigkeiten zum Fest der Liebe, worauf die Kellnerin mich anpöbelt, ich möge meine Wünsche doch bitte in den Verkaufsräumen der tiefer gelegenen Etagen äußern, da würde man mir sicherlich weiterhelfen können. Ach richtig, ich bin ja in der Cafeteria. Zu dumm.

Auf der Rolltreppe abwärts rollt mir in entgegengesetzer Richtung ein betrübt aussehender Priester mittleren Alters entgegen. "Kauf eine Bibel, mein Junge", sagen seine Blicke. "Kauf eine Bibel und erinnere die Menschen an den Ursprung Weihnachtens". Und während er mich so ansieht, sucht er die beiden prallgefüllten Einkaufstüten unter seiner Kutte zu verbergen. Aber immerhin, die Idee an sich ist nicht schlecht. Man könnte ja Bibeln in 17 verschiedenen Sprachen kaufen, damit für jeden das richtige individuelle... Autsch, jetzt bin ich über den Treppenabsatz gestolpert. Rolltreppen können einen verdammt noch mal das Leben kosten, wenn man nicht Acht gibt! - Wo war ich? Ach ja, die Bibeln. Wäre mit Sicherheit eine Überlegung wert, aber wen interessiert schon Christi Geburt, wenn's da vorne Handschuhe, Schals und warme Mützen zum halben Preis gibt?

Als erstes greife ich mir das letzte Paar Ohrenschützer, damit ich mir das ewige Weihnachtsgedudel aus der hausinternen Lautsprecheranlage nicht länger anhören muss. Ich würde zu gern wissen, wie viele Familienväter jährlich im Weihnachtsstress zuviel kriegen und Amok laufen. Ob es da Statistiken gibt? Ich befrage eine Verkäuferin, die gerade ein Schaufenster mit Plüsch-Osterhasen und bunten Eiern dekoriert, nach individuellen Geschenkmöglichkeiten, 17 an der Zahl, für jeden das Richtige und am Ende nicht zu teuer. Sie mustert mich abschätzend, wirft mir ein resigniertes "Verschwind!" hin und widmet sich wieder ihren Schoko-Eiern. Und das soll kompetentes Verkaufspersonal sein? Wie schwer doch Schenken sein kann... Wenn ich nicht den ganzen Tag hier zubringen möchte, muss ich mir was einfallen lassen, aber schnell!

Ich verlasse das Kaufhaus mit 17 wollenen Schals verschiedener Form und Farbe, die durchaus das Potential aufweisen, die individuellen Charakterzüge der Beschenkten zu unterstreichen, für jeden etwas dabei und am Ende nicht zu teuer. Man muss nur kreativ sein, das ist alles.

Aus: Jan Achtmann - Cousinenbomber (j8m.de)

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