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Cousinenbomber - Gedichte & Satiren

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Cousinenbomber

Der Arzt Roman

Ort der Handlung: Eine psychiatrische Praxis im Herzen von Bonn

Personen:
   Der verwirrte PATIENT
   Der anerkannte Dr. ROMAN
   Die unbedeutende SCHWESTER


SHARIN AL-KARA: Eberhardt, hilf mir mal eben.
EBERHARDT: Patient?
SHARIN AL-KARA: Patient.

PATIENT: (schleppt sich niedergeschlagen ins Behandlungszimmer, sieht müde umher und lässt sich auf die Couch fallen, wimmert) Doktor...
ROMAN: (betritt kauend und mit einem Stück Pizza in der Hand den Raum durch eine Seitentür) Ah, da sind Sie ja. Wir hatten telefoniert, wenn ich nicht irre. Sie sprachen von einem Notfall?
PATIENT: So wahr ich hier liege.
ROMAN: (dynamisch in einigen Krankenakten blätternd) Wie kann ich Ihnen helfen, junger Freund?
PATIENT: Pizza.
ROMAN: Wie meinen?
SCHWESTER: (verlässt das Zimmer)
PATIENT: (richtet sich auf) Ich will alles gestehen, Doktor. Ich bin ein kranker Mann.
ROMAN: Natürlich sind Sie das.
PATIENT: Dr. Oetker.
ROMAN: Nein, Dr. Roman. Bitte.
PATIENT: (schmachtend) Dr. Oetker, Dr. Roman. Die Ofenfrische. Ich sterbe für diese Pizza, verstehen Sie? Sie veränderte mein Leben schlagartig, ich esse nichts anderes mehr. Nachts erwache ich schweißgebadet und sehe im Halbschlaf ein ganzes Rudel Salamischeiben närrisch auf meiner Bettdecke tanzen...
ROMAN: (räuspert sich) Verstehe.
PATIENT: (springt auf, stößt einen schrillen Schrei aus und schlägt wild auf die Nackenstütze ein)
ROMAN: (sichtlich verwirrt) Ihr einziges Problem, sagten Sie?
PATIENT: Nicht wirklich, nein... (setzt sich mit gekreuzten Beinen) - Wie viel Zeit geben Sie mir?
ROMAN: Wenn Sie derart weitermachen, keine fünf Minuten.
PATIENT: Das ist nicht viel.
ROMAN: Sagen wir zehn.
PATIENT: Schon besser.
ROMAN: Fünfzehn?
PATIENT: Alles begann mit meiner Geburt. Schon damals wurde mir die Grundverschiedenheit zweier Dinge bewusst: Die Welt und ich. Wir passten einfach nicht zueinander. Die Ärzte meinten... - eigentlich meinten sie gar nichts. Sie gaben mich in die Obhut meiner Mutter und versammelten sich leise weinend am Kaffeeautomaten. Kurz darauf, an meinem elften Geburtstag, geschah es dann.
ROMAN: Was geschah?
PATIENT: Ich begann zu sprechen.
ROMAN: Das ist gut!
PATIENT: Ich hörte nicht mehr auf zu sprechen.
ROMAN: Das ist schlecht.
PATIENT: Ich redete und redete...
ROMAN: Was sagten Sie so?
PATIENT: Pizza.
ROMAN: Verstehe.
PATIENT: Wenn Sie kauen macht mich das nervös, Doktor.
ROMAN: Oh, pardon. (schluckt den letzten Bissen herunter)
PATIENT: Also, ich redete und redete. Ich redete immer weiter. Ich sagte, was mir in den Sinn kam, und ich dachte viel, wenn die Nacht lang war! Die Geschwindigkeit meiner Aussprache erhöhte sich proportional zu ihrer Unverständlichkeit. Von Woche zu Woche wurde es schlimmer. Die Menschen verstanden mich nicht mehr. Irgendwann fragten sie nicht mehr nach, weil sie davon ausgingen, dass ich gewohnheitsgemäß alles wiederholen würde.
ROMAN: Wann hat das aufgehört?
PATIENT: Es hat nicht aufgehört.
ROMAN: Aha.
PATIENT: Es hat nicht aufgehört.
ROMAN: Das sagten Sie bereits.
PATIENT: Wieso verstehen Sie mich eigentlich?
ROMAN: Ich ignoriere Ihre Worte und achte auf Ihre Gesten.
PATIENT: Erstaunliche Technik.
ROMAN: Das tun alle Psychiater. Wenn wir all das, was uns diese dahergelaufenen Irren an den Kopf werfen, verarbeiten würden, säße heute manch einer von uns an Ihrer Stelle.
PATIENT: Haben Sie ein Glück, dass ich Ihre Worte gerade ignorierte und auf Ihre Gestik achtete...
ROMAN: (nimmt den Finger aus dem Ohr) Fein. Haben Sie sich bereits Gedanken darüber gemacht?
PATIENT: Natürlich. Sie sind nicht der Erste, mit dem ich darüber spreche.
ROMAN: Hat Ihnen jemand zugehört?
PATIENT: Wo denken Sie hin?
ROMAN: (in die Gegensprechanlage) Schwester! Heizen Sie den Ofen vor!

Aus: Jan Achtmann - Cousinenbomber (j8m.de)

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