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NEPOMUKI. Der HörnchenwaldEs ist tiefe Nacht. Hell leuchtet der Mond am Sternenhimmel, einige dunkle Wolken ziehen langsam am Horizont vorüber. Der Hörnchenwald ist bedeckt von einem Mantel der Stille, nur in der Ferne hört man ein Käuzchen rufen. Auf der Lichtung, inmitten einer Gruppe alter Eichen, steht etwas windschief ein alter Baumstumpf, in den in mühsamer Feinarbeit winzige Fenster und eine ebenso kleine Tür gehauen wurden. Hinter dem Fenster links neben dem Eingang brennt noch Licht, ein gleichmäßiges dumpfes Klicken ist zu hören... II. LenaNepomuk war heute schon den ganzen Tag ungewöhnlich aufgeregt. Er war sehr früh aufgestanden, um sich frische Beeren für die kommende Woche zu besorgen: beim alten Tausendfüßler, unten am Kaktus-Fluss, der so heißt, weil er gleich neben einem monumentalen Kaktus entspringt. Als Nepomuk gegen Mittag beim Tausendfüßler, den hier alle Kana nannten, ankam, war auch gerade Kanas Cousine dritten Grades zu Besuch. Sie hieß Lena, war erstaunlicherweise genauso alt wie Nepomuk und hatte einen wunderschönen Panzer. Das Beste aber war an ihr, so fand Nepomuk nach kurzer Zeit, dass Lena auch eine Schildkröte war, von derer Art es hier im Hörnchenwald nicht gerade viele gab. Eigentlich gab es außer Nepomuk gar keine anderen Schildkröten hier. Nepomuk kam also nach seiner relativ langen Reise bei Kanas Frischbeeren-Markt an und suchte sich einen ganzen Korb voller schöner Beeren aus. Als er jedoch auf seinem Weg zur Kasse am Regal mit dem neuen Knuspermoos vorbeisteuerte um sich noch etwas zum Knabbern mitzunehmen, musste er eine Vollbremsung machen, weil er sonst fast das schönste Wesen umgerannt hätte, das er jemals sah, wie er sogleich feststellte. Nepomuk musste erst einmal tief Luft holen, als Lena, deren Namen er ja noch gar nicht kannte, sich erschrocken umdrehte und ihm direkt in die Augen sah - diese Augen! Nepomuk hatte noch nie in seinem Leben so schöne Schildkrötenaugen gesehen. Als Lena merkte, wer da vor ihr stand, erhellte sich ihre Miene wieder, und sie lächelte ihr Gegenüber an. - Diese Lippen... Nepomuk war ganz verwirrt vor soviel Schönheit; er bemerkte kaum, dass sie ihn schon angesprochen hatte: "Hi, ich bin die Lena..." "Diese Nase", dachte Nepomuk noch, bis ihm klar wurde, dass es längst Zeit zum Antworten war: "Hallo, ich heiß Nupomek - ach was, Nepomuk heiß ich!" - "Na, das macht ja nichts", antwortete Lena und fügte schnell hinzu: "Das mit dem fast umrempeln mein ich..." "Tut mir echt leid", murmelte Nepomuk und tat unmerklich einen kleinen Schritt zur Seite, weil ihm gerade Lenas niedliche Ohren aufgefallen waren. "Hier, die wolltest du doch, oder?" Lena reichte ihm eine Vorratspackung Knuspermoos und weil er nicht reagierte, sondern ihr nur verträumt in die Ohren sah, ergriff sie seine Pfote und drückte die Tüte hinein. "Ach richtig, ja, danke..." Nepomuk würdigte das Moos keines Blickes. "Ja, ich muss dann weiter... - mach's gut!", meinte Lena, doch Nepomuk nahm all seinen Mut zusammen und hielt sie zurück: "Du bist nicht von hier, oder...?" Lena lächelte ihr schönstes Schildkrötenlächeln und bejahte seine Frage. "Aber vielleicht treffen wir uns ja mal auf einen Beeren-Moos-Auflauf, was meinst du? - Du weißt ja, wo du mich findest..." Mit diesen Worten verschwand sie hinter den Schränken mit Erdbeermarmelade und ließ einen selig blickenden Nepomuk zurück. Und nun saß Nepomuk also zuhause an seiner Schreibmaschine. Es war tiefe Nacht und er wollte ein Gedicht für Lena schreiben, aber die Formulierungen waren ihm gerade ausgegangen. Um noch einmal seine letzten Zeilen zu überfliegen beugte er sich ganz nah an die Schreibmaschine heran, er war nämlich extrem kurzsichtig, wenn es um Geschriebenes ging. Und Nepomuk hatte noch ein Problem: Er hatte sich verliebt. III. Mehlige Gedankengänge"Du wirst schon eine Möglichkeit finden, wie du sie näher kennen lernen kannst!" Der Mehlwurm sah Nepomuk aufmunternd in die Augen. "Lad sie doch mal zum Essen ein oder geh ne Runde schwimmen mit ihr! Dir wird schon was Passendes einfallen..." Nepomuk blinzelte ins grelle Sonnenlicht. Es war früher Nachmittag und er und sein bester Freund Yerodin schlenderten einen von Himbeersträuchern gesäumten Waldweg entlang. "Aber was ist, wenn ich sie zum Essen einlade und sie fängt ein Gespräch an? Ich meine, was soll ich sagen?" "Vertrau auf deine Spontaneität! - Etwas Mehl?" Der Mehlwurm reichte Nepomuk eine nicht mehr ganz volle Papiertüte mit der Aufschrift "Yerodins Qualitätsmehl", er nahm sich immer ein wenig für unterwegs mit. Nepomuk jedoch schob den Beutel abweisend beiseite: "Aber das ist so schwierig... Was würdest du an meiner Stelle tun?" Der Mehlwurm schaute gequält in den Himmel und strich sich umständlich die Pulverreste aus dem Bart. Er überlegte kurz und sprach schließlich: "Es gäbe da eine Möglichkeit, durchaus... Ich habe vor langer Zeit einmal etwas von einem Buch gehört, das eben dieses Thema ausführlich behandeln soll; ich meine jetzt nicht den konkreten Umgang mit deiner Lena, sondern allgemein die Liebe. Angeblich soll es schon vielen hundert Tieren geholfen haben, zueinander zu finden - wo es sich jedoch zurzeit befindet, kann ich nur sehr ungenau sagen..." "Halt, halt", bremste Nepomuk den Mehlwurm in seinen Ausführungen, "es ist ja nicht so, dass ich nur sie näher kennen lernen möchte; sie hatte mir so das Gefühl gegeben, als würde sie mich auch ganz nett finden..." - "Ganz nett? Präzise!" wurde er von Yerodin unterbrochen. "Du bist dir nicht ganz sicher? Wer ist das schon? Vielleicht solltest du dir mal überlegen, was du eigentlich willst, mein Lieber!" Nepomuk schaute betreten zu Boden. Wenn Yerodins Mehlreserven zu Ende gingen, wurde er meistens sehr sonderbar und sprach nur noch was er wirklich dachte - und meistens hatte er Recht damit. Der Mehlwurm fuhr energisch fort: "Ehe du irgendwelche Dinge tust, die du hinterher vielleicht bereust und ehe du ihr Sachen erzählst, hinter denen du nicht hundertprozentig stehst, geh lieber auf Nummer sicher und nimm meinen Rat an. Die Ehe ist ohnehin nur etwas Wahres, wenn beide Partner es wirklich wollen, doch das nur nebenbei. Es liegt zwar ein weiter Weg vor dir, aber ich werde dir alles erklären und hinterher wirst du schlauer und weiser sein. Vielleicht sogar so weise wie ich, was ich jedoch nicht glaube, da ich, wie du weißt, knappe 75 Jahre älter bin als du, Nepomuk." Die Schildkröte winkte ab: "Red keinen Unsinn, so weise wie du, das geht doch gar nicht, ich werde allenfalls so weiß wie du... Schließlich bin ich wohl eine ganze Weile unterwegs und da habe ich bestimmt ein paar graue Haare, wenn ich zurück bin." - "Unsinn", beruhigte ihn Yerodin, "du wirst schätzungsweise fünf Tage fort sein und für eine Schildkröte ist das doch so gut wie nichts..." Nepomuk schauderte bei dem Gedanken, dass er Lena jetzt etwa 120 Stunden nicht sehen würde, aber er sagte sich, dass er da jetzt durch müsse und die paar Tage schon aushalten würde. Er war auch noch nicht wirklich überzeugt von dem was er da soeben gehört hatte - aber was sollte er tun? Vielleicht ging studieren in diesem Fall eben doch über probieren. "Glaub mir, du triffst die richtige Entscheidung." Yerodin knuffte seinen Begleiter in die Seite und faltete die leere Mehltüte zusammen. Hoffentlich, dachte Nepomuk und rieb sich die Rippen. IV. Die Flüsterbäume"Vielleicht sollte ich hier ein wenig verschnaufen", sagte Nepomuk mehr zu sich selbst und setzte sich auf einen Kieselstein. Er war schon sehr weit gelaufen und hatte jetzt einen kleinen Bach erreicht, an dem er sich erfrischen und neue Kraft schöpfen wollte. Die Sonne stand hoch am Himmel und der Bach glitzerte merkwürdig rosa in ihrem Licht. "Du musst dich vorläufig in nördlicher Richtung halten, bis du zu den Bäumen kommst, die wichtig sind", hatte Yerodin gestern gesagt, "danach musst du dich durchfragen." Nepomuk wusste nicht, was er damit anfangen sollte; schließlich gab es hier überall Bäume, und für ihn war jeder einzelne wichtig. Außerdem fühlte er sich einsam und er musste an Lena denken und wie schön es doch wäre, sie jetzt hier bei sich zu haben. Dann aber fiel ihm ein, dass er ja ihretwegen hier war und je mehr er sich beeilte, umso schneller würde er wieder bei ihr sein. Schweren Herzens erhob er sich und wanderte weiter, immer geradeaus und in nördlicher Richtung. Nach etwa einer halben Stunde, er schlenderte gerade durch ein kleines Waldstück, bemerkte Nepomuk hinter sich fremdartige Geräusche und drehte sich um. Ohne es gemerkt zu haben wurde er seit geraumer Zeit von drei jungen Bäumen verfolgt, die sich gegenseitig absonderliche Zahlenkombinationen zuflüsterten. Nepomuk fand das sehr befremdlich. Er wollte dieses junge Gemüse zur Rede stellen, wurde jedoch gar nicht beachtet! Eigenartig sahen diese Bäumchen aus: giftgrün, extrem dicht mit Moos bewachsen und am Wipfel eines jeden wehten drei gelbe Blüten im Wind. "He, was wollt ihr von mir...?" - Nepomuk war etwas verwirrt, weil die Pflanzen ihn einfach ignorierten und sich nur weiter unterhielten. "Man kann sich auch wichtig machen", sagte Nepomuk und wandte sich zum Gehen. Schon wieder musste er an Lena denken... Schnell drehte er sich um und wanderte seines Weges, die drei Bäumchen folgten ihm mehr oder weniger unauffällig in einigen Metern Abstand. V. Der alte nervöse BrunnenAls Nepomuk am zweiten Tag durch die Felder und Wiesen oberhalb des Kaktus-Flusses streifte traf er nach einer Weile auf einen alten Brunnen, der nervös in seinem Steinschacht herumplätscherte. Nepomuk fand das sehr befremdlich. Er betrachtete den Brunnen etwas genauer und erkannte, dass er teilweise eingestürzt war: Innerhalb und außerhalb des Steinbogens lagen große schwere Steine, die wohl durch ein Unwetter aus den Mauern herausgebrochen waren. Der Brunnen tat Nepomuk richtig leid, denn er jammerte und stöhnte und weil er gerade sowieso nichts anderes zu tun hatte, sammelte Nepomuk alle Steine auf und setzte sie an ihre alte Stelle. Nepomuk stellte dabei erstaunt fest, dass sieben Steine zuviel herum lagen. Es waren sehr schöne Steine, ganz weiß, teilweise mit silbernem Schimmer, wenn man sie aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtete. Und da der alte Brunnen zufällig irrsinnige Zauberkräfte besaß, wuchsen den Steinen alsbald Beine und Gesichter, so musste Nepomuk sie nicht tragen. "Damit du etwas von ihnen hast, verlieren die Steine diese Fähigkeit, sobald du deine Reise beendet hast", erklärte der Brunnen dem erstaunten Nepomuk. Obwohl er noch nicht wusste, was er mit ihnen anfangen könnte, bedankte er sich beim Brunnen für die Steine und machte sich wieder auf den Weg, nunmehr allerdings mit dem wunderbaren Gefühl im Bauch, einen alten Brunnen vor dem Versiegen bewahrt zu haben. VI. Lianen für Nepomuk"Nach Norden? Immer weiter nach Norden? Kann er gerne haben!" Mehr aus Trotz als aus Überzeugung bewegte sich Nepomuk mit seinen Steinen und den drei Bäumchen im Schlepptau immer weiter weg von seiner gewohnten Umgebung und glaubte schon gar nicht mehr daran, wohlauf sein Ziel zu erreichen. Im Augenblick befand sich die Gruppe auf einer kleinen Hochebene, von der aus man die ganze Umgebung überblicken konnte und vor ihnen, Nepomuk wurde ein wenig schwindelig, lag ein riesiges Sumpfgebiet. "Dann haltet euch mal gut fest", stöhnte Nepomuk und machte sich an den Abstieg über einen schmalen Pfad, der sich den Hügel abwärts schlängelte. Hinter ihm wankten die drei vermeintlich wichtigen Bäumchen und die sieben Steine, die sich schön ordentlich der Größe nach sortiert hatten, den Abhang hinunter. Etwa auf halber Höhe entdeckte Nepomuk am Wegesrand einen merkwürdigen Busch, der statt Blättern eine Art Lianen trug. Nepomuk fand das sehr befremdlich. So etwas hatte er noch nie im Leben gesehen, weshalb er sich einige Zweige abpflückte und sie in die Tasche steckte. Das Bemerkenswerte an diesem in der Gegend einzigartigen Busch war, dass jeder abgerissene Ast sofort nachzuwachsen begann. Nepomuk blieb noch einen Moment neben dem Busch stehen und sah ihm beim Wachsen zu, dann aber wandte er sich ab, denn er hatte sich ja ein Ziel gesetzt. VII. Das Medium im SchaukelstuhlNepomuk war tierisch müde. Er war nun schon drei Tage fast ununterbrochen gelaufen und mittlerweile so ziemlich am Ende seiner Kräfte. Er befand sich seit mehreren Stunden auf einem befestigten Pfad, der sich durch ein unendlich weit scheinendes Moorgebiet schlängelte. Bereits heute Morgen konnte er in der Ferne eine kleine Hütte ausmachen und jetzt, gegen Mittag, war er gar nicht mehr weit von ihr entfernt. Die ganze Zeit über hatte Nepomuk Angst gehabt, er könnte an einer rutschigen Stelle stolpern und in den Sumpf fallen, was seiner Reise ein jähes Ende gesetzt hätte; als er jedoch endlich vor der Hütte stand und anklopfte, fühlte er sich schon um einiges wohler. Es dauerte einen Moment, bis sich die Tür wie von selbst öffnete. Ein wenig zögernd trat Nepomuk ein und fand sich in einem recht dunklen, nur von Kerzen erleuchteten Raum wieder. Es gab hier drinnen keine Möbel bis auf einen Schaukelstuhl, der inmitten eines riesigen Berges halb beschriebener Blätter etwas eingeklemmt aussah. Der Schaukelstuhl stand mit der Lehne zur Tür. Nepomuk konnte nicht erkennen wer, darin saß, aber dass jemand darin saß, bemerkte er daran, dass der Stuhl leicht vor und zurück wippte, wobei jedes Mal ein kleines leises Knistern der verschobenen Blätter zu hören war. Nepomuk fand das sehr befremdlich. "Schön, dass du endlich da bist", erklang eine tiefe und ruhige Stimme aus dem Schaukelstuhl, "ich hatte schon Angst, du wärst in den Sumpf gefallen." - Nepomuk wich erschrocken einen Schritt zur Seite. Einerseits hatte er ein wenig Angst vor dem Wesen im Schaukelstuhl, andererseits jedoch fühlte er sich hier in der Hütte eigenartig wohl und geborgen, fast wie bei ihm daheim im Baumstumpf. Er tat einige vorsichtige Schritte in das Zimmer hinein, bis er den Jemand im Stuhl von schräg hinten betrachten konnte, wagte es jedoch nicht, näher heran zu gehen. "Wolltest du nicht etwas fragen?" Die Stimme klang fragend und antwortend zugleich, eine eigenartige Mischung. Was Nepomuk am meisten wunderte war, dass das Wesen unentwegt etwas aufzuschreiben schien: Kaum hörbar glitt seine Feder über die roten Blätter eines großen Papierstapels. Immer wenn eine weitere Seite voll geschrieben war, fiel sie geräuschlos zu Boden und verlor kurz darauf ihre Farbe. Die Augen des Sitzenden waren dabei jedoch merkwürdig geradeaus gerichtet, schienen gleichzeitig sowohl ganz weit weg als auch ebenso nah am Gesehenen zu sein. - "Wolltest du nicht etwas fragen?" Erneut diese fremde Stimme, die Nepomuk doch so vertraut erschien, als wäre es seine eigene. "Es liegt hinter der Tür, nicht wahr?", fragte Nepomuk und erschrak. Hatte er das gerade gesagt? Waren das seine Worte? Ein innerer Drang trieb ihn zur Tür und die Stimme aus dem Schaukelstuhl flüsterte: "Na los, nimm ihn dir, du wirst ihn brauchen." Ein Blatt glitt aus ihren Händen. Nepomuk griff hinter der Tür in die vermeintliche Leere und zog aus dem Nichts einen kleinen Rucksack hervor, der bis an den Rand mit Knuspermoos gefüllt war. Er passte genau auf seinen Rücken und war ungewöhnlich leicht. Erneut fiel eine beschriebene Seite herunter und verfärbte sich. Die Stimme klang nun plötzlich ungeduldig: "Du hast noch einen weiten Weg vor dir..." Nepomuk wollte antworten, wollte fragen, wollte etwas sagen! Obwohl er merkte, dass er schon wusste, was er wissen musste und derjenige im Schaukelstuhl ihm plötzlich vorkam wie ein alter Freund wünschte er sich, ihm einmal in die Augen zu sehen. "Das würde ich auch gerne", klang es aus dem Schaukelstuhl. Die Stimme wurde leiser und unwirklicher, je näher Nepomuk der Tür kam. "Aber das wäre vermutlich keine gute Idee. Nun geh schon, es ist nicht mehr viel Zeit." "Danke", dachte Nepomuk. "Nepomuk?" Er drehte sich noch einmal um, die Tür war bereits ein wenig geöffnet. "Grüß mir deine Lena, ja?" Nepomuk lächelte. "Mach ich, aber woher..." - "Ich weiß es eben", sagte ich. Ein weiteres Blatt fiel zu Boden. Lautlos schloss sich die Tür. VIII. Das Buch der LiebeViele Stunden waren vergangen, seit Nepomuk in der Holzhütte mit dem Schaukelnden geplaudert hatte und nun zog Nepomuk mit seinen Gefährten weiter den Weg entlang, kreuz und quer durch das Sumpfgebiet. Nach drei weiteren Stunden erreichten sie - mitten im Moor - eine Kreuzung dreier Wege, es gab also insgesamt sechs mögliche Richtungen zur Weiterreise. Und, kaum zu glauben, mitten auf der Kreuzung lag das "Buch der Liebe"! Nepomuk fand das sehr befremdlich. "Leute, irgendwas stimmt hier nicht", meinte er, "jetzt sind wir so lange gelaufen und dann soll die Lösung des Problems so einfach sein?" Eines der Bäumchen untermauerte seinen Gedanken: "In der Tat, hier stimmt etwas ganz und gar nicht!" - Ein weiteres gähnte gemütlich und streckte sich so sehr, dass einige Blätter zu Boden segelten, blickte dann motiviert in die Runde und wollte wissen, worum es sich handele. Der dritte Stein von links jedoch verwarf alle Theorien, indem er Nepomuk zur Seite nahm und ihn darüber aufklärte, dass das gar nicht die optimale Lösung des Problems bedeuten müsse. "Wie...?" - Nepomuk schaute ihn ungläubig an. "Aber danach hab ich doch die ganze Zeit gesucht!" "Dann nimm dir schon das Buch und verschwinde", murmelte eine Stimme von irgendwo unten, "dann hätten endlich die ewigen Streitereien darum ein Ende." Nepomuk blickte suchend um sich, konnte aber niemand entdecken, als direkt vor ihm auf der Erde plötzlich ein flinkes Murmeltier erschien, das aufgebracht um das Buch herumwuselte. "Lass es uns kurz machen", murmelte es. "Ich bin das Murmeltier Thorsten und du bist die Schildkröte Nepomuk. Mir geht es gut, doch du hast ein Problem, nämlich Lena, die für eine klar denkende Kröte alles andere als ein Problem darstellen sollte..." - "Was...wieso...woher weißt du...?", unterbrach ihn Nepomuk. "Weißt du, wir Murmeltiere...", murmelte das Murmeltier weiter und wurde gleich wieder unterbrochen: "Aber warum..." - "Nu lass mich doch mal ausmurmeln!" Das Murmeltier war sichtlich verärgert. "Täglich kommen mindestens zehn Tiere zu dieser Gabelung und den wenigsten erzähle ich, was ich dir jetzt erzählen werde!", murmelte Thorsten weiter. "Sag mir einmal, Nepomuk, wofür genau willst du das Buch denn haben, hm? Hm?" "Na ja, also", Nepomuk räusperte sich, "ich denke, dass ich in Bezug auf die Lena lieber keine dummen Fehler machen will, dass ich lieber Methoden anwende, die bei anderen auch funktionieren und dass ich wohl ziemlich aufpassen werde, was ich sage." Routiniert trat das Murmeltier einige Schritte zurück, die Bäume jedoch bildeten ängstlich ein kleines Wäldchen, in dessen Sträuchern die Steine Schutz suchten. Und schon geschah es: Der Himmel wurde von einem grauen Schleier überzogen, die Sonne verdunkelte sich und Gewitterwolken zogen auf. Nepomuk sah misstrauisch vom Murmeltier in den Himmel hinauf und fragte schuldbewusst: "Hab ich da jetzt was Falsches gesagt?" Das Murmeltier kam Nepomuk etwas entgegen und murmelte: "Sag mir mal eines: "Willst du, dass Lena dich liebt, weil es die Regeln des Buches so vorschreiben oder möchtest du, dass sie dich gern hat so wie du bist und weil sie es möchte?" Nepomuk hatte sich schon gedacht, worauf Thorsten hinauswollte und natürlich hatte er Recht damit. Und dafür hatte er nun die lange Reise auf sich genommen... Hätte er doch nur auf seine innere Stimme gehört! Niedergeschlagen suchte Nepomuk seine Gefährten zusammen, verabschiedete sich von dem Murmeltier und machte sich auf den Heimweg. Unterwegs nahm er sich fest vor, Lena einzuladen um mit ihr ganz einfach einen schönen Tag zu verbringen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. IX. Nepomuk baut sich ein TorEs war schon spät am Nachmittag, als Nepomuk am fünften Tag schließlich wieder zu Hause ankam. Eigentlich wollte er ja direkt zu Lena in Kanas Frischmarkt gehen, aber dann überlegte er sich etwas Besseres: Er wollte versuchen, in Zukunft etwas selbstsicherer und kreativer zu sein und womit könnte er besser anfangen als mit seinem eigenen Baumstumpf? Er räumte also seine Möbel beiseite und legte den Stumpf mit Knuspermoos aus, so hatte er gleich etwas Essbares in der Nähe. Den Flüsterbäumen, die sich unterdessen über den prozentualen Anteil von Gänseblümchen auf der Lichtung unterhielten, bot er ein sonniges Plätzchen vor der Tür an. In Kanas Kistenlager hatte er vor einiger Zeit zehn übergroße Streichholzschachteln aufgetrieben, die er nun übereinander stapelte, so dass sie sich im oberen Teil gegenseitig stützten und nicht mal Nägel notwendig waren. Um schließlich noch die Luftlöcher zu verschließen, legte Nepomuk über dem ganzen Tor flächendeckend die mitgebrachten Lianen aus. Damit am Rande des Baumstumpfes nichts herunter fiel, befestigte er das Moos am Rand mit den sieben Steinen vom alten Brunnen. Am Abend war Nepomuk richtig fertig - aber mächtig stolz! Das Murmeltier Thorsten hatte ihm gestern, damit er nicht ganz umsonst da gewesen wäre, eine provisorische Brille mitgegeben, da es ja auch wusste, dass Nepomuk nicht die allerbesten Augen hatte. Und nun saß Nepomuk mit seiner neuen Brille vor der Schreibmaschine und gerade eben fiel ihm auch das so lang ersehnte Gedicht für seine Lena ein und morgen würde er es ihr geben - einfach so. X. Nepomuk & LenaGanz früh am nächsten Morgen wanderte Nepomuk erwartungsvoll zu Lena, um sie für heute Abend zum Essen einzuladen, genug Knuspermoos hatte er ja jetzt. Nepomuk war außerordentlich nervös; es war nun genau eine Woche vergangen, seit er Lena zum letzten Mal gesehen hatte. Mittags kam er bei Kana an und fragte ihn gleich nach ihr. - "Wie, ihr habt euch nicht mehr gesehen?" Kana fand das gar nicht befremdlich. Nepomuk schwankte ein wenig und fand schließlich Halt am Türrahmen: "Sie ist weg?" Kana sah betroffen zu Boden und meinte: "Sie ist erst vor kurzem gegangen, weil sie, äh... - ja, weil sie nicht bleiben konnte. Genau so war's!" Traurig verließ Nepomuk den Laden und krötete heimwärts. Erst gegen Abend kam er zuhause an und öffnete die Tür - und wurde vom süßesten Lächeln der Welt empfangen! Lena schien ihn nur knapp verfehlt zu haben und hatte den ganzen Tag auf ihn gewartet... Aber das war egal, denn Lena blieb bei Nepomuk. Er gab ihr sein Gedicht und sie knabberten zusammen eine ganze Menge Knuspermoos und überhaupt lebten sie fortan glücklich zusammen in ihrem Baumstumpf-Tor mit lebendigem Vorgarten. Manchmal besuchten sie Yerodin oder den alten Brunnen oder sie unternahmen eine Reise zum Murmeltier Thorsten. Nur den Schreiber aus dem Schaukelstuhl in der Holzhütte im großen Sumpf, den haben sie nie wieder gesehen, und das ist alles was ich darüber sagen kann. Aus: Jan Achtmann - Cousinenbomber (j8m.de) Zurück zur Rahmenhandlung / zur Übersicht
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