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Gerade gebogenEs ist selten genug der Fall, dass meine Schwester den weiten Weg aus Hamburg auf sich nimmt, um mich zu besuchen. Wir sitzen dann über einem guten Kaffee, plaudern über den Untergang der Menschheit oder die anstehende Familienfeier - was für manche Menschen im Grunde das gleiche ist - oder ich lasse sie beim Computerspiel gewinnen, damit sie das nächste Mal gerne wieder kommt. Diesmal versucht sie vergeblich, mir ihr Lieblingsspiel beizubringen: Aus einem Haufen verdeckter und offener Karten seien Reihen mit jeweils drei passenden Bildern herauszufinden, worauf es auf die Form, die Farbe, die Füllung und die Anzahl der jeweiligen Bildchen auf den jeweiligen Kärtchen ankäme. Der Spieler, der die meisten Reihen findet, gewinnt auch das Spiel, der frühe Vogel fängt den Wurm, so hart wie das Leben. Meine Gedanken sind überall: bei meiner aktuellen Homepage, bei meinem knurrenden Magen - nur leider nicht bei diesen verfluchten Karten und meine Motivation sinkt proportional zur Stapelhöhe der ihrerseits gefundenen Bilderreihen. Ich bin ein Denker, kein Merker. Als ihre Karten die ungefähre Fensterhöhe erreichen, rettet sie mich durch die dümmste Frage des Jahres: "Warum ist ein Regenbogen krumm?" Ich lehne mich zurück, möglichst weit weg von diesen kindischen Karten, erwidere wissend: "Das ist ein wenig kompliziert" und mache mir in Windeseile zum ersten Mal in meinem Leben Gedanken über die Entstehung eines Regenbogens. "Im Ernst, wie entsteht diese Krümmung?", fragt Imke, denn so heißt meine Schwester. Sie hieß schon immer so, anfangs eher aus Verlegenheit, mittlerweile wohl aus Gründen der Gewöhnung. Vor meinem geistigen Auge erscheint ein mächtiger Regenbogen, der etwas unsicher zwar, doch schnurgerade wie ein Stahlträger in der Luft hängt. Eine merkwürdige Vorstellung. "Das liegt an der Erdkrümmung", sage ich bestimmt und ignoriere den missbilligenden Blick meiner großen Schwester. Ich muss ihr wieder mal alles erklären und greife zu meiner Schachtel Zigaretten und dem Feuerzeug. Zuerst zünde ich mir eine an, gewinne dadurch wertvolle Sekunden. "Pass auf. Wenn die Schachtel die Sonne ist, mein Kopf der Regen und das Feuerzeug das menschliche Auge..." Dabei halte ich die Schachtel in die Höhe und bewege das Feuerzeug mit der anderen Hand zur Sonne hin und wieder weg. Um meine Beweisführung zu untermauern, beschreibe ich mit meiner dritten Hand über dem Fußboden einen Halbkreis, der mit ein wenig Phantasie durchaus einem Regenbogen ähneln könnte. "Aha" sagt meine Schwester und versteht mich nicht. Zu dumm, dass ich über keine dritte Hand verfüge, sonst hätte sie's gleich verstanden. Gut, versuchen wir es anders: "Na ja, das liegt am Thaleskreis. Du kennst doch noch den Satz des Thales?" - "Ja. Aber was haben rechtwinklige Dreiecke mit der Krümmung des Regenbogens zu tun?" Imke studiert, das hatte ich vergessen, mit derart billigen Tricks kann ich ihr nicht kommen. Also zeichne ich es ihr auf ein Blatt Papier: "Okay. Der Mittelpunkt dieser Geraden bist du. Das hier... das hier ist die Erde, das da ist die Sonne. Der Thaleskreis über deinem Kopf ist der Regenbogen und die vielen Pünktchen hier sind der dazugehörige Regen. Verbindet man jetzt - Moment - so, verbindet man jetzt den Lichtkegel der Sonne mit den Endpunkten der Geraden und stellt sich das Ganze bei gleichen Größenverhältnissen verkleinert über deinem Kopf vor... Nein, hier auf dem Papier! Dann ergibt sich eine Kurve, die genau vom Regen bis zur Tischkante reicht. Das erklärt die Krümmung." "Wie bescheuert. Diese Krümmung kommt auch zustande, wenn man die Gerade in den Regen zeichnet und meinen Kopf mit dem anderen Ende der Welt verbindet!", sagt meine Schwester und sieht mich herausfordernd an. Sie hatte noch nie viel übrig für meine technischen Zeichnungen. Während sie in die Küche geht, schlage ich in verschiedenen Lexika nach, weshalb ein anständiger Regenbogen nicht gerade in der Luft hängt. Ich finde verschiedene bunte Bilder von Regenbögen und eine gar nicht mal uninteressante Kurzgeschichte über einen Regenwurm namens Willy - doch ich finde keine Antwort auf meine Frage. Als Imke zurück ins Zimmer kommt, findet sie mich erschlagen auf dem Boden liegend zwischen WAS IST WAS - Büchern, Meyers Kinderlexikon und dem Duden der alten Rechtschreibung. "Es ist halt so", röchele ich zu ihr hinauf. "Wie sähe das denn aus, wenn der Topf mit Gold am Ende des Regenbogens in der Luft hinge, da käme doch kein Mensch dran." Meine Schwester gibt sich auch mit dieser Erklärung nicht zufrieden, setzt sich und wirft versehentlich meine Tastatur auf den Boden, weil sie von zu Hause meinen Kabelsalat nicht gewöhnt ist. - Das Internet! Beschwingt fliege ich zum Computer, das Netz der Netze wird die Antwort schon wissen, irgendeinen Nutzen muss es ja schließlich haben. Kaum ist die Verbindung hergestellt, schreit Imke auch schon "Internet!" und wirft sich jauchzend vor den Monitor. Zu ihrer Verteidigung darf ich erklären, dass sie in ihrer Wohnung in Hamburg noch keinen Internet-Anschluss hat. Vom Regenbogen will sie nichts mehr wissen, jetzt sind andere Dinge wichtiger. Die Homepage vom kleinen Arschloch zum Beispiel. Und die Seite von den tanzenden Katzen, haha, wie lustig. Leise schleiche ich aus dem Zimmer und lasse sie mit ihrem seltenen Spielzeug allein. - Wieso der Regenbogen krumm ist, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich kann das niemand. Solange meine Schwester online bleibt, ist mir das aber auch herzlich egal. Aus: Jan Achtmann - Cousinenbomber (j8m.de) Zurück zur Rahmenhandlung / zur Übersicht
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