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Cousinenbomber - Gedichte & Satiren

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Cousinenbomber

Desto

Es war dunkel geworden in den Schnabelbergen. Langsam senkte sich die Nacht über die Landschaft, die so bekannt war für ihre Abgeschiedenheit von den anderen Teilen des Landes. Weit ragten die schneebedeckten Gipfel der Gebirgskette in den dunkelblauen Himmel empor, wo sie von schattenhaften Wolken umgeben wurden. Sie sahen ein wenig aus wie festgenagelt, kein Lüchen regte sich. Zu Füßen dieses Massivs erstreckte sich ein schmales Feld mit einigen Wäldchen, zu dessen Rändern, nahe den Bergen, sich einige armselige Hütten an die Felsen schmiegten. Insgesamt waren es vielleicht acht Häuschen, von denen nicht einmal die Hälfte bewohnt war, wie es den Eindruck machte, und nur aus dem Schornstein einer einzigen Hütte konnte man Rauch aufsteigen sehen. Wer sich hierher zurückzog, wollte meditieren, mit sich und der Welt ins Reine kommen. Oder sterben.

Der Falke Edgar machte zusammen mit seinem Kumpel Horst seinen heutigen Kontrollflug. Gerade waren sie gelandet, um sich hier einmal näher umzusehen. "Hier, schau mal!", Edgar reichte dem Storch, was er gefunden hatte, dabei stolperte er leicht über seine eigenen Füße - es war ja auch schon sehr spät - und fand Halt an Horst, der ihn vor einem Sturz bewahrte, indem er ihm helfend unter die Flügel griff. Von Vogel zu Vogel sozusagen.

Edgar wollte dem Storch gerade für die erbrachte Hilfeleistung danken, als ihm ein wabbelnder, grüner Haufen auffiel, der sowohl zu leben als auch sie aus einiger Entfernung zu beobachten schien. "Aha!", quakte der grüne Haufen, "Lasst euch von mir nicht weiter stören... - Ups! Sag mal, dein schwuler Kumpel ist nicht zufällig ein Storch, oder?" Edgar entzog sich der vermeintlichen Umarmung seines Gegenübers und wollte gerade irgendetwas Schlagfertiges erwidern, als Horst freudig aufschrie: "Uiii! Ein Breitmaulfrosch!"

Der grüne Haufen hatte es plötzlich ziemlich eilig davon zu kommen: "Scheiße! Quaack!! Quuaaaack!!!" Edgar konnte Horst nicht zurückhalten und so spurtete er hinter ihm her, um zu retten, was noch zu retten war. Doch es war schon zu spät: Horst hatte sich den quak-quiekenden Frosch geschnappt, was an und für sich keine Kunst war, da das Kleintier zuvor nur desorientiert im Kreis herumgesprungen war. Jetzt jedoch hing der grüne Haufen zur guten Hälfte in Horsts Schnabel, dachte jedoch nicht daran, sich gänzlich verschlingen zu lassen: "Scheiß Nahrungskette!" fluchte er und fuchtelte dem genervten und darüber hinaus ein wenig irritiert um sich blickenden Storch mit seinen Ärmchen im Gesicht herum.

Edgar musste endlich Partei ergreifen, er war grundsätzlich gegen Gewalt und für die Schwächeren. Außerdem war grün seine Lieblingsfarbe. "Gib`s ihm, Frosch!" - Das war alles, was der Falke für den Grünling tun konnte. Er suchte sich ein ruhiges Plätzchen in einem nahen Baum und begann seine Federn zu sortieren.

Während dessen hatte Horst es geschafft, den Frosch in einer Schnabelhälfte einzuklemmen, so dass er Edgar zurufen konnte: "Je mehr er zappelt, umso müder wird er!" Edgar nickte ihm gelangweilt zu und aus der linken Schnabelhälfte schallte es: "DESTO!" Mit einer schnellen Bewegung gelang es dem Frosch, den Schnabel seines Angreifers gerade soweit aufzustemmen, dass er Horst mit beiden Klauen kräftig würgen konnte. "Urgks" meinte der Storch und lief blau an.

Diese Farbkombination konnte Edgar nun gar nicht mit ansehen. Er flog dazwischen und trennte die beiden, indem er ein paar Mal kräftig an einem hervorschauenden Froschschenkel rupfte. "QUACK!! Idiot!" Der Frosch war offenkundig mächtig sauer, als er endlich wieder am Boden saß und seine Knochen sortierte: "Den Wüstling hätte ich fertig gemacht!" Horst rieb sich derweil die Würgemale am Hals. Der Falke wandte sich fragend an den Frosch, was er da eigentlich vorhin so aufgebracht gerufen habe, und erhielt als Antwort alle verwendeten Schimpfwörter noch einmal - und zur Bekräftigung noch eine ganze Reihe neue. Obwohl das nicht die erstrebte Antwort war, musste Edgar - nicht ohne ein wenig überheblich zu wirken - feststellen, dass er ihrer einfach mehr kannte.

"Na, umso besser", freute sich Horst, "dann kann er uns wenigstens verbal nicht mehr viel anhaben." Der Frosch errötete vor Wut, der Farbton passte ganz und gar nicht zum obligatorischen Grün, und quakte erneut "DESTO! DESTOOO!!" Den beiden Vögeln wurde das allmählich zu bunt, so besorgten sie sich einen Eimer und stülpten diesen über den Frosch. Sie würden das später klären. Edgar massierte dem immer noch ein wenig geschockten Storch den Hals.

Sie gingen gemeinsam ein Stück zurück, ließen den Frosch vorläufig mit seinem Eimer allein und kamen sehr bald zu der Stelle, an der sie vor kurzem überrascht wurden. "Hier hat die Fremdwortschleuder uns angefallen" stellte Horst sachkundig fest, bevor Edgar ihn zurecht wies: "Erstens war es nicht hier sondern dort", er deutete auf eine plattgetrampelte Moosplatte, die ein kleines Stückchen westwärts lag, "und zweitens waren das für meine Begriffe keine fremden, sondern allenfalls für einen Frosch recht vorlaute Töne", womit er Horst unbewusst nochmals daran erinnerte, welch schwache Leistung es doch gewesen war, sich von einem niederen Lebewesen an der Kehle herum spielen zu lassen.

Der Storch, dessen Selbstwertgefühl ohnehin schon angekratzt war, senkte schuldbewusst den Blick und sah betreten zu Boden. Edgar hingegen wandte sich zum Fliegen: "Na, Kopf hoch, Horst! Immerhin wird das Fröschlein vorläufig niemanden mehr belästigen. Komm, wir haben noch viel zu tun!" Kurz darauf waren von den beiden nur noch zwei dem Horizont entgegen strebende Schatten zu sehen, die sich bald in der Dunkelheit verloren.

Aus: Jan Achtmann - Cousinenbomber (j8m.de)

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