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Cousinenbomber - Gedichte & Satiren

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Cousinenbomber

Bonn

"Es ist tiefe Nacht, kein Mensch ist mehr auf der Straße. Verängstigt schleichen vier vermummte Personen aus einem Haus. Sie sind vermummt, weil sie nicht erkannt werden wollen. Hastig schleppen sie die nötigsten Sachen zu einem gestohlenen Kleinwagen mit ausgewechselten Nummernschildern. Der Fahrer ist nervös, eben wirft er den siebten Zigarettenstummel aus dem Fenster. An den Stummeln wird man später versuchen, ihre Spur zurückzuverfolgen, aber wenn es soweit ist, werden sie schon fort sein. Sie sind fertig: Mit quietschenden Reifen braust der Wagen in die Dunkelheit, vorbei am langen Eugen, über die Konrad-Adenauer-Brücke und ab auf die A3. Erst jetzt fallen sie sich, vor Freude weinend, in die Arme."

Ich liege auf dem Bauch, die Beine gekreuzt und eine Hand auf dem Rücken. Ich schreibe gerne in dieser Haltung, sie entspannt und erinnert mich zugleich an die stabile Seitenlage.

Das war der letzte Absatz meiner neuen Geschichte, einer traurigen Geschichte. Einer neuen traurigen Geschichte, die endlich jemand schreiben musste. Packend bis zum Ende, bei Gelegenheit muss ich sie selbst mal lesen.

Die Welt schaut ergeben auf Berlin, die neue Metropole des nahen Ostens. Bonn wurde seitens der Kölner Bezirksregierung mit einem fiesen Grinsen von der Landkarte gestrichen. Nun muss jeder sehen, wo er bleibt.

Ich öffne das Fenster und lasse das strahlende Sonnenlicht herein, es ist Platz genug für uns beide im Zimmer. Ich lege den Entwurf beiseite und lehne mich zurück; seit mehr als einer Woche habe ich die Wohnung nicht mehr verlassen und nur geschrieben, überwiegend auf dem Bauch liegend, die Beine gekreuzt und eine Hand auf dem Rücken. Es muss einiges passiert sein da draußen. Die Bonner Rundschau ist heute recht dünn geraten.

Ich kann nicht leugnen, dass es mich einigermaßen unglücklich macht, doch das meinerseits Beschriebene spielt sich hier jede Nacht ab. Anfangs war man noch begeistert über die vielen freien Parkplätze, doch als der General-Anzeiger damit begann, seinen Immobilienteil als bundesweite Sonderauflage zu veröffentlichen, machte man sich allmählich Gedanken. Die Telekom reagierte zuerst auf den stetig wachsenden Verlust unserer Einwohnerzahl: Das neue Telefonbuch umfasst realistische 58 Seiten, das Branchenverzeichnis fand Abdruck als mehrseitige Beilage im Mittelteil. Als ein wenig emotionslos empfand ich lediglich die Werbung auf der Rückseite: "Besuchen Sie Berlin, Zentrum Deutschlands und Drehscheibe Europas!" Wie geschmacklos.

Gestern läutete es an der Tür. Ich legte mein Adressbuch beiseite, an dem ich gerade notwendig gewordene Änderungen vornahm, und öffnete. Der letzte Bonner Postbote, ergraut und erschöpft, setzte mich von der Änderung meiner Telefonnummer in Kenntnis, sie sei jetzt dreistellig. "Wie schön", freute ich mich, "ist ja auch viel einfacher zu merken. Die Nachbarn brauchen Sie nicht informieren, ich wollte sowieso gerade rüber gehen." Schon im Weiterhasten brüllte mir der Briefträger nach, dass ich mir diese Arbeit sparen könne, ich sei ohnehin der letzte Bewohner dieses Viertels. Ich prüfte seine Angaben, indem ich gewaltsam bei meinen Nachbarn eindrang. – Der Anblick war niederschmetternd: So leer wie diese Räume war mein Tank schon lange nicht mehr.

Während ich meinen Umzug in die – nicht unwesentlich größere – Nebenwohnung vorbereitete, kam ich auf die verrückte Idee, mir eine Pizza zu bestellen. Nie werde ich das heisere Lachen des Kölner Pizzabäckers vergessen, der meinte, aufs Land liefere er nicht. Ich warf einen raschen Blick in meinen Vorratsschrank, fand dort aber nur drei Tüten Harikö und ansonsten gähnende Leere. Also einkaufen. Auf dem Weg zu meinem Auto winkte ich amüsiert einigen Plünderern zu, die sich eines stehen gelassenen Wohnwagens bemächtigten. Sie erwiderten meinen Gruß.

Ich schlug den üblichen Weg zum Kaufhaus und, dort angekommen, einige Scheiben ein, um mir Zutritt zu verschaffen. Ich hatte ohnehin kein Geld dabei, da erwies es sich als glücklicher Zufall, dass dieser Markt erst heute Morgen geschlossen worden war. Der ausgelöste Alarm kümmerte mich wenig, da Radio Waldau/Rhein-Sieg über das Abrücken der gesamten Bonner Polizei berichtet hatte. Es gäbe Organisationsschwierigkeiten auf verschiedenen deutschen Autobahnen, insbesondere auf jenen in östlicher Richtung. Aus gegebenem Anlass musste ich meinen Kleinwagen gegen einen LKW eintauschen, da ich ansonsten keine Möglichkeit sah, die Lebensmittel in einer Fuhre nach Hause zu befördern.

Meinen eigenen Wagen ließ ich quer auf den beiden Behindertenparkplätzen stehen. Das ist schon so, seit ich meinen Führerschein habe: Wann immer ich einen Behindertenparkplatz sehe, überkommt mich das unbändige Verlangen, zu parken. Sofort.

Während der Rückfahrt begegnete mir ein Stadtbediensteter, der die Ortsschilder "Bundesstadt Bonn" gegen wesentlich kleinere mit der Aufschrift "Kaff Bonn – Kreis Alfter" austauschte. Zwar missfiel mir diese Änderung, doch zog ich es vor, keinen Streit zu provozieren. Er war bewaffnet und schien mir zum Äußersten entschlossen. Ferner konnte ich durch ein Seitenfenster einige originalverpackte Computersysteme im Innern seines Dienstwagens ausmachen. ProMarkt hatte also auch schon geschlossen.

Daheim angekommen schrieb ich spontan einen offenen Brief an die SPD-Ratsfraktion im Stadthaus und bedankte mich für die liebenswürdige Einräumung der vielen neuen Möglichkeiten. Ich lobte in angemessener Weise das Organisationstalent unserer Oberbürgermeisterin und schlug sie für eine weitere Kandidatur vor. Ferner erkundigte ich mich, wann ich wieder Strom bekäme. Das war gestern. Nun sitze ich hier und trauere.

Ein guter Zeitpunkt, um mit den Hunden Gassi zu gehen. Ich habe keine Hunde, aber was nützt mir das? Sie müssen trotzdem raus. Und mein Psychiater sagt, ich müsse mir deswegen keine Gedanken machen.

Wo ist sie geblieben, die Stadt, in der ich aufgewachsen bin? Die Stadt, die ich so sehr liebe, dass ich auch eines Tages in ihr sterben möchte? Wenn ich es mir recht überlege, ist dieser eine Tag schon in sehr greifbare Nähe gerückt.

An dieser Stelle darf ich den motorisierten Leser bitten, mir zu helfen. Bitte, setzen Sie sich in ihr Auto, am besten gleich, kommen Sie nach Bonn und überfahren Sie mich. Ich liege, bereit für den Unfalltod, mitten auf der Reuterstraße auf Höhe der Tankstelle und auf dem Bauch, die Beine gekreuzt und eine Hand auf dem Rücken.

Es soll auch nicht umsonst sein, bedienen Sie sich ruhig. Besuchen Sie meine Stadt und seien Sie Gast im größten und bestsortierten Freiluft-Supermarkt Europas. Jeder Artikel umsonst oder noch günstiger. Was immer Sie brauchen, hier finden Sie's: Büroartikel, Benzin, Wohnzimmereinrichtungen, Autos, Hobbymärkte und Telekommunikationskonzerne. Außerdem stehen hier noch ein paar erstklassige Mehrzweckhallen rum. Sie finden Bonn bei den südlichen Vororten Kölns, gleich zwischen Witterschlick und Hersel. Wenn Sie Bonn nicht finden können, fragen Sie nach Ückesdorf.

Aus: Jan Achtmann - Cousinenbomber (j8m.de)

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